(human) milk on paper.

Image source: How to throw the grenade, excerpt from "Do it Yourself Nazi Bashing Guerillia Warfare Manual"

 

"All the work developed before 2010 is part of my preliminary research. It was very important to me to present these because it seemed imperative to show how slowly this has developed, how the idea of ironing milk had been there for a long time but had not been fully developed. Especially since I describe (Elkins)  the „Langsamkeitsschock“ – the shock of slowness, which is what theoreticians perhaps experience when they enter an artists studio. Artistic research is not a linear implementation of previously determined theoretical thesis or the implementation of an accepted method – instead, material resists concept, material speaks, resists“. You need to deal with the material, to procur it in often complicated ways, you need to make space for it, let the material speak. The materiality of this work is almost absurdly important to me."

 

 

“...später baut sie Atomschiffe.”

INDUSTRIE- u. MILITÄRGERÄTEDARSTELLUNGEN AUS MUTTERMILCH

zur Unsichtbarkeit weiblicher Akteure in der Kunst

Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Doctor of Philosophy (Ph.D.) Studienrichtung Kunst

vorgelegt an der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar von Elizabeth Glauer, 2014

 

 

Thesenpapier

Zusammenfassung der Schwerpunkte

Für diese Arbeit habe ich zunächst Spuren der Körperflüssigkeit Mutter- oder Frauenmilch in der Entwicklung in der abject art der Neunziger Jahre in Relation zur Autoperforationsartistik der DDR, zur Aktionskunst der sechziger und siebziger Jahre, bis in die Gegenwart gesucht. Die praktische Arbeit suchte Verschiebungsmöglichkeiten in Naturalisierungsprozessen, die auf binäre Kategorien Natur/weiblich und Kultur/männlich basieren. In den Publikumsreaktionen auf die Arbeit, zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: Zunächst wurde mit ambivalent-emotionaler Distanzierung gegenüber dem Material (Ekel, Faszination) reagiert.  Anschließend wurde die Milch wiederholt als „ganz natürlich“ und demnach nicht verwerflich angesehen.

Aus der Frage: Warum wurde die Frauenmilch als einzige Körperflüssigkeit aus der Diskussion um abject art ausgeblendet? Wurde die Frage entwickelt: Wann und wo wurde Frauenmilch in der Kunst (un)sichtbar? Wie werden Arbeiten wo ausgeschlossen? Wie hängt das mit dem relativen Ausschluss von künstlerischen Arbeite von Frauen aus der zeitgenössischen Hochkultur zusammen?

 

Es entstanden zwei Forschungsfelder: Material und Darstellung.

Mittels zeichnerischer Aneignung, Diskurs- und Bildanalyse habe ich Widerstandsmöglichkeiten gegen schnelle und vereinfachende Kompartimentierung (Reinigung, Aufräumen) gesucht, die über die vermeintlich besondere Natürlichkeit der Milch funktioniert, die Abschottung der Arbeiten mit Frauenmilch in die Kategorie Natur/weiblich und der damit implizierten Bereinigung des Bereichs (Hoch)Kultur/männlich.

Bourdieu verwendeten die Begriffe hard versus soft in „Die männliche Herrschaft“ (2005) um relative Wertigkeitszuschreibungen der Geisteswissenschaften im Gegensatz Naturwissenschaften zu benennen.

Die Begriffe hard and soft verwende ich, angelehnt an Bourdieu, um Wechselwirkungen der hierarchisch geordneten, flexiblen Wertigkeitspolaritäten im Kunstbetrieb zu beschreiben. Hard/soft bezieht sich dabei auf die jeweiligen ökonomische Wertigkeitspole, high/low auf kulturelle Pole.

Da wo unterschiedliche kulturelle Sphären zum Beispiel im interdisziplinären Arbeiten zwischen Kunst und Ingenieurswissenschaften aufeinander treffen wird immer wieder sichtbar das „harte“ beziehungsweise „weiche“ Verhaltensweisen und Wertigkeiten Konventionen sind, die der Erhaltung der jeweiligen „Doxa“, nach Bourdieu, dienen, und im jeweiligen Umfeld erlernt werden. Es ergeben sich temporärer Zwischenräume oder Freiräume welche die Positionierungen destabilisieren, da die Machtverhältnisse bezogen auf die Deutungshoheit neu gesehen, neu ausgehandelt werden können und müssen; sie sind (noch) nicht ganz „aufgeräumt“. Auf potentiell produktive Weise unaufgeräumt sind und waren die Beziehungen in Deutschland zwischen Ost als ehemalige DDR und West als BRD bezüglich der Geschlechterbeziehungen, zusehen am unterschiedlichen Umgang mit Mutterschaft, Arbeit und Wissenschaft, und hierbei im besonderem Maße die Ingenieurswissenschaften.

Bis in die Siebziger Jahre herrschte hier ein unkritischer Fortschrittsglaube gegenüber technologischer Erneuerungen, und so investierten beide Staaten in die Ingenieurswissenschaften. Der Ingenieur – („dem Ingenieur ist nichts zu schwör“) wurde besonders in der BRD nach dem zweiten Weltkrieg zur nationalen männlichen Identifikationsfigur, unterstützt durch die entsprechende, Rücken freihaltende Hausfrauenfigur. Beide Staaten, die DDR und die BRD, versuchten sich mit ihren jeweiligen ingenieurswissenschaftlichen Errungenschaften zu übertrumpfen und investierten in dem Bereich stark in die Bildung und an Jugendliche gerichtete Literatur, Spielzeug und Propaganda. Es wurden jeweils thematisch passende Zeitschriften herausgegeben. In der BRD hieß dieses Produkt „Hobby – das Magazin für Hobby und Technik,“ und in der DDR hieß die entsprechende Zeitschrift „Jugend und Technik“. Beide wurden jeweils von 1953 bis zum Mauerfall 1989/90 parallel produziert. Atomkraftwerke und militärische Geräte funktionierten hierbei als identitätsstiftende Symbole für die Beziehung des Menschen zur Natur als zunächst notwendigerweise zu beherrschende bis sich zunehmend eine (selbst)kritischere Haltung durchsetzt, die den Menschen zunehmend als untrennbarer Teil der Natur sieht.

Den Aufruf Helene Cixious’ mit Milch zu schreiben und Bourdieu’s, sich mit harten besetzen Wissensbereichen aus feministischer Sicht auseinanderzusetzen wörtlich nehmend, wurde ein zeichnerischer Umgang mit Milch durch langwieriges Üben und Experimenten erarbeitet. Mit menschlicher Milch wurde die Bildgeschichte der nationalen Identifikationsfigur des Ingenieurs und sein dargestelltes Fachwissen erforschend er-zeichnet.

 

 

 

Resultat

Das Resultat ist eine flexibel anwendbare Vermittlungsmethode: Die nachgezeichneten Vor-bilder, die beim Bügeln nach und nach sichtbar werden, werden im Austausch mit und in Reaktion auf dem Publikum besprochen. Die resultierenden Bilder machen die Trennung „harter“ ingenieurswissenschaftlicher Darstellungen vom „weichen“ Kunstmaterial Frauenmilch unmöglich.